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Perfektionisten sind Pragmatiker
Fast mantra-artig wird in Schulen, Universitäten und Fachbüchern wiederholt: Wer Erfolg anstrebt, braucht Ziele und eine gute Planung. Und weil es so häufig wiederholt wird, scheint es eine unbestreitbare Wahrheit geworden zu sein. Ist es aber nicht. Über Ziele habe ich hier schon einige Male geschrieben. Jetzt soll es um Planung gehen.
Wir alle haben sie schon gemacht, die Erfahrung, dass ein Plan nie so abläuft, wie er mal gedacht war. Doch wir ignorieren sie systematisch, diese Erkenntnis. Und so stecken wir immer wieder unfassbar viel Energie in den Versuch, ihn perfekt zu machen, den Plan. Und sind damit immer auf der Verliererseite. Denn ein perfekter Plan würde vollständige Informationen voraussetzen – eine völlige Utopie.
Es ist, als würde man eine Autofahrt von Hannover nach Stuttgart so planen wollen, dass man die angestrebte Ankunftszeit von 17:25 Uhr perfekt einhält. Kein vernünftiger Mensch hält das für möglich. Man kann nun mal unter keinen Umständen alle Eventualitäten mit bedenken. Ein fröhlicher Wildwechsel ist eher schlecht vorauszusehen. Oder denken Sie an den sogenannten »Stau aus dem Nichts.« Und schon ist unser schöner Plan futsch.
Planung funktioniert nicht. Niels Pfläging, Autor des hier auch schon rezensierten Buches »Führen mit flexiblen Zielen« hat es in einem Interview mit der BrandEins einmal so formuliert: »Entweder sind Projekte heute so trivial, dass man keine Planung braucht. Oder sie sind so komplex, dass keine Planung funktioniert.«
Gut vorbereiten, das geht schon eher. Also auf das Unerwartete eingestellt sein und damit leben können. Für das Beispiel der Autofahrt ins Ländle hieße das: Schon mal beim Zielort anrufen und sagen, man käme evtl. später. Oder für den Fall einer sehr frühen Ankunft, ein Buch zum Lesen mitnehmen.
Perfekt sein ist spitze. Aber das wird gern völlig falsch interpretiert: Der Plan muss perfekt sein, denken Perfektionisten. Im Gegenteil, Perfektion erreichen wir nur, wenn wir pragmatisch sind, wenn wir loslegen und vor allem, wenn wir ausprobieren. Denn nur ein (erstmal) fertiges Produkt liefert mir die nötigen Erkenntnisse über wichtige Veränderungen im Prozess. Nur durch Ausprobieren kann ich besser werden. Perfektionismus heißt also nicht perfekt zu planen. Perfektionismus heißt vielmehr ausdauernd zu sein. Die Bereitschaft einen Prozess wieder und wieder zu durchlaufen und zu verändern, bis das Produkt perfekt ist. Dabei muss das Produkt kein Produkt im engeren Sinne sein. Eine sportliche Leistung ist ein Produkt. Ein tägliches Produktionsergebnis ist ein Produkt. Ein Veranstaltungsergebnis ist ein Produkt. Sie sind alle Ergebnisse eines Prozesses. Und ich kann einen Prozess nur verbessern, wenn ich ihn erprobe.
Klar, je mehr an einem Einzelereignis hängt, desto seltener kann ich den Prozess verbessern. Eine Hochzeit kann ich (hoffentlich) nur einmal erproben. Den Besuch eines hochrangigen Politikers vielleicht auch. Deshalb gibt’s ja auch Testläufe bei Staatsakten. Beim Theater ist es nicht anders. Dort ist das Ergebnis die Show vor dem Publikum. Niemand würde versuchen, das Theaterstück perfekt zu planen und dann ohne eine einzige Probe direkt die Uraufführung durchführen. Bei Unternehmensprozessen legen wir plötzlich andere Maßstäbe an. Hier neigen wir dazu jede Eventualität zu durchdenken, bevor wir endlich mal loslegen und ausprobieren. Ganz nach dem Motto: »Gut geplant ist halb gewonnen« – aber eben nur halb! Und siehe da, es geht tatsächlich schief. Klar, wir haben es ja auch nicht getestet.
Deutsche Produkte haben in der Welt einen ganz ausgezeichneten Ruf. Und zwar genau aus dem Grund, dass wir in dieser Disziplin die Tugend des Pragmatismus beherzigen. Wir bringen Disziplin und Begeisterung dafür auf, immer wieder und wieder zu fragen, was noch besser gehen könnte. Und so wird das Produkt immer perfekter. Menschen die Prozesse gestalten, sollten das genauso tun. Wahre Perfektionisten sind eben Pragmatiker.









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